Ein Wolf im Schafspelz: Der Skandal um Pro Femina
- Zwischenfunken Kollektiv
- vor 6 Tagen
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Wir sind schon wieder wütend.
Wenn Menschen ungewollt schwanger sind, brauchen sie verlässliche, fachlich fundierte und ergebnisoffene Beratung. Dafür gibt es staatlich anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen wie beispielsweise pro familia. Und dann gibt es Organisationen wie Pro Femina.
Pro Femina bezeichnet sich selbst als „kostenfreies, nicht-staatliches Beratungsangebot“ und schreibt offen, keine Beratungsscheine auszustellen. Was dabei oft untergeht: Ohne diesen Schein ist ein straffreier Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nicht möglich. Das heißt konkret: Wer sich dort beraten lässt, bekommt keine Unterstützung für einen legalen Abbruch. Und trotzdem tritt Pro Femina nach außen wie eine Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle auf – mit dem Anspruch, „die beste Beratung“ zu bieten und „selbstbestimmte Entscheidungen“ zu ermöglichen. Wir sagen: Das ist irreführend und täuscht Ratsuchende bewusst.
Ein Blick auf die Inhalte zeigt, wie diese „Beratung“ funktioniert. Auf der Website werden Ratsuchende zunächst empathisch abgeholt – doch dann folgt eine klare Lenkung: Eine Schwangerschaft wird zur „Chance“ umgedeutet. Zweifel an einem Abbruch werden verstärkt. Ängste werden verschoben – hin zu möglichen negativen Folgen eines Abbruchs. Das ist keine neutrale Beratung. Das ist gezielte Einflussnahme. Auch aus der Praxis gibt es Kritik: Berater*innen von pro familia berichten, dass sich Ratsuchende nach Kontakten mit Pro Femina unter Druck gesetzt fühlten – es sei weniger um Unterstützung gegangen als darum, ihre Entscheidung zu verändern. (https://taz.de/Interview-mit-feministischer-Autorin/!5613711/)
Pro Femina inszeniert sich modern, zugänglich und vertrauenswürdig. Wahrt einen professionellen Schein mit einer pastellfarbenen, ästhetisch ansprechenden Website. Der Name lehnt sich auffällig an pro familia an – eine etablierte, staatlich anerkannte Beratungsstelle. Das schafft Vertrauen – gerade in einer Situation, in der Menschen schnelle Orientierung suchen. Doch hinter dieser Fassade steht eine klare ideologische Ausrichtung: Pro Femina ist Teil der sogenannten „Lebensschutz“- bzw. Anti-Abtreibungsbewegung. Das erklärte Ziel: Schwangerschaftsabbrüche verhindern. So formuliert es auch der Gründer und Geschäftsführer der 1000plus-Profemina gemeinnützige GmbH Kristijan Aufiero mit dem Leitsatz „Hilfe statt Abtreibung“ auf seiner eigenen Website.
Und genau hier wird es politisch brisant. Am 15. April 2026 fand im Deutschen Bundestag eine Anhörung zur Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbrüchen statt. Geladen waren Ärzt*innen, Jurist*innen, Vertreter*innen von Verbänden – und: Kristijan Aufiero von Pro Femina. Damit saß dort keine staatlich anerkannte Beratungsstelle, sondern ein ideologisch ausgerichtetes Angebot ohne verpflichtende Ergebnisoffenheit. Vom Staat eingeladen. Und mehr noch: Im offiziellen Bericht wird Pro Femina als einzige „Beratungsorganisation“ zitiert. (https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw16-pa-gesundheit-schwangerschaftsabbruechen-1164678) Dort heißt es sinngemäß, die Mehrheit der Menschen in Beratung wolle keinen Abbruch, sondern nur die Lösung ihrer Probleme. Diese Aussage wird als Expertise dargestellt – obwohl sie aus einer Organisation kommt, deren erklärtes Ziel keine Unterstützung bei einem Abbruch, sondern die Verhinderung eines Abbruchs ist. Das ist kein neutraler Beitrag. Das ist interessengeleitete Darstellung als vermeintliche Realität.
Während medizinische Fachpersonen auf Versorgungslücken, Stigmatisierung und fehlenden Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen hinweisen, wird einer Organisation Raum gegeben, die genau diese Realität relativiert. Das verschiebt den Diskurs. Und es hat konkrete Folgen: Wenn politische Entscheidungen auf solchen verzerrten Darstellungen basieren, verschlechtert sich die Versorgungslage weiter – besonders für diejenigen, die ohnehin schon benachteiligt sind.
Was hier passiert, ist keine harmlose Alternative im Beratungssystem. Menschen in Schwangerschaftskonflikten befinden sich oft in einer vulnerablen Situation. Wenn sie auf Angebote stoßen, die neutral wirken, aber ideologisch arbeiten, dann ist das keine Unterstützung – sondern bewusste Täuschung und Manipulation. Ein Wolf im Schafspelz.
Wir sind wütend, weil solche Strukturen unkritisch bestehen – und sogar politisch aufgewertet werden. Wir sind wütend, weil Menschen in Schwangerschaftskonflikten bessere Beratung verdienen. Und wir sind wütend, weil hier ein Feld liegt, das dringend mehr Aufmerksamkeit braucht. Wenn ideologisch geprägte Narrative dieser Organisationen in die Politik einsickern, macht uns das Angst – und wir werden nicht zusehen, wie das unwidersprochen passiert.


