KN-Artikel "Solo-Sex umdenken: Warum auch SH neu über Lust sprechen muss" von Louisa Kulawik.
- Zwischenfunken Kollektiv
- 7. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Wir wurden für einen Beitrag der Kieler Nachrichten zum Thema Solo-Sex in Schleswig-Holstein interviewt und konnten unsere Perspektive zu dem Thema einbringen:
Solo-Sex ist stark politisch, weil er historisch stark mit Macht, Kontrolle und Marginalisierung verknüpft ist. Vor allem Selbstbefriedigung bei Frauen und Menschen mit Vulva war über Jahrhunderte extrem tabuisiert. Weibliche Sexualität wurde systematisch unterdrückt – als Instrument gesellschaftlicher Kontrolle. Ein bekanntes Beispiel ist der absurde und zugleich gewaltvolle Umgang mit sogenannter „Hysterie“, bei dem Klitorisstimulation medizinisch genutzt wurde, um Symptome zu „regulieren“, während weibliches Begehren gleichzeitig unsichtbar gemacht und pathologisiert wurde.
Ein sehr anschaulicher Punkt ist auch die Sprache: Wie viele Begriffe fallen Menschen für Solo-Sex mit Penis ein? Unzählige. Wichsen, die Palme wedeln, den Lurch würgen, absahnen, jaxxen – die Liste ist endlos. Solo-Sex bei Menschen mit Penis ist deutlich weniger tabuisiert, es wird offen darüber gesprochen, und genau das zeigt sich in der Sprache. Für Solo-Sex bei Menschen mit Vulva gibt es vergleichsweise kaum geläufige Begriffe. Den meisten Menschen fallen spontan nur sehr wenige ein.
Genau deshalb ist es politisch, wenn Menschen mit Vulva über Selbstbefriedigung sprechen, sie sichtbar machen und sich diesen Raum zurückholen. Indem wir darüber reden, brechen wir Tabus und machen deutlich: Weibliches Begehren existiert. Weibliche Sexualität existiert. Let’s talk about it.
Regelmäßige Selbstbefriedigung kann zu einem besseren Körperbewusstsein und mehr sexueller Zufriedenheit führen. Durch Masturbation können Menschen ihren eigenen Körper viel besser kennenlernen. Sie setzen sich damit auseinander, welche Berührungen sich gut anfühlen, welche Fantasien auftauchen, was sie begehren und was ihnen Lust macht. Der Körper wird intensiver wahrgenommen, feiner gespürt.
Sich selbst durch bestimmte Berührungen oder Stimulation so intensive Gefühle und sogar einen regelrechten Rauschzustand zu verschaffen, kann unglaublich empowernd sein. Das lässt sich auch als eine Art Superkraft des eigenen Körpers erleben: Wir können uns selbst – ohne äußere Einwirkung – diese Zustände ermöglichen.
Dieses Wissen wirkt sich auch auf Sexualität mit anderen Menschen aus. Wer sich selbst kennt, kann viel besser wahrnehmen und kommunizieren, was sich gut anfühlt, was man sich wünscht, worauf man Wert legt oder was man vielleicht ausprobieren möchte. Gleichzeitig entsteht oft ein Gefühl von Unabhängigkeit: Gute sexuelle Erfahrungen und intensive Gefühle müssen nicht ausschließlich von anderen Menschen kommen. Wir brauchen nicht zwingend einen anderen Menschen für unsere eigene sexuelle Zufriedenheit.
Solo-Sex kann feministisch sein, muss es aber nicht. Für uns bedeutet feministisch zu handeln, sich für gleiche Rechte und Selbstbestimmung für alle einzusetzen. Nur weil etwas sich persönlich empowernd anfühlt, ist es nicht automatisch feministisch. Solo-Sex auszuüben ist also nicht zwingend feministisch, aber darüber in einem positiven Sinne zu sprechen hingegen schon eher, da dadurch der Weg für andere Menschen bereitet wird und ein Tabu gebrochen wird.
Selbstermächtigend kann Masturbation aber in jeden Fall sein. Gerade Masturbation bei Menschen mit Vulva ist häufig ein Akt der Selbstermächtigung, weil sie sich bewusst gegen ein gesellschaftliches Tabu stellt. Es bedeutet, sich selbst gute Gefühle zu erlauben – unabhängig von anderen Menschen und oft auch entgegen gesellschaftlicher Erwartungen. Man nimmt sich Raum, Lust und Zeit für sich selbst.
In diesem Sinne ist Selbstbefriedigung ganz klar Self-Care. Und Self-Care ist immer selbstermächtigend.
Vielen Dank an Louisa Kulawik für den tollen Artikel und die Anfrage an uns! Den gesamten Artikel könnt ihr in den KN online vom 15.03.2026 abrufen.



